Hölzerne Druckbuchstaben aus einer alten Zeitungsdruckerei
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Demonstrationen gegen
einen Krieg im Irak

Dr. Martin Dutzmann, Superintendent des evangelischen Kirchenkreis Lennep, auf der Kundgebung am Samstag, 15.Februar.2003,

auf dem Rathausplatz in Remscheid :

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, Warum versammeln sich heute die Menschen zu Tausenden auf deutschen Straßen und Plätzen? Warum sind wir an diesem Nachmittag auf dem Remscheider Theodor-Heuss-Platz zusammengekommen? Es sind mindestens drei Gründe, die uns zusammenführen. Und diese Gründe muss die Bundesregierung, diese Gründe müssen aber vor allem die Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika und die mit ihnen in der Irakfrage solidarischen Staaten hören.

Der erste Grund: Wir sind hier, weil wir den Krieg gegen den Irak fürchten. Jawohl: Fürchten! Denn furchterregend ist die Vorstellung, welche Folgen ein solcher Krieg hätte. Schon jetzt ist die Bevölkerung des Irak am Ende. Der Gesundheitszustand der Menschen im Süden des Landes ist katastrophal. Das Trinkwasser ist weitgehend verseucht. In den Krankenhäusern gibt es weder Medikamente noch Spritzen. Operationen werden ohne Betäubung durchgeführt. Die Weitgesundheitsorganisation schätzt, dass jährlich im Irak etwa 60.000 Kinder sterben. Und jetzt noch Krieg?! Man kann sich das Elend kaum ausmalen.

Elend würde ein Krieg aber nicht nur über die Menschen im Irak sondern über die ganze Region bringen. Es ist eine von Krisen geschüttelte Region, die einen gerechten Frieden, nicht aber einen vermeintlich gerechten Krieg braucht. Und schließlich: Ein solcher Krieg würde vermutlich auch Elend in die westliche Weit tragen. Ich bin davon überzeugt, dass die Kräfte des Terrorismus nicht geschwächt, sondern gestärkt würden.

Der zweite Grund: Wir sind hier, weil wir die amerikanische Kriegslogik nicht nachvollziehen können und wollen. Entgegen aller Beteuerungen der amerikanischen Regierung gibt es bisher keine Beweise, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfügt. Sollten dort aber atomare, biologische oder chemische Waffen vorhanden sein, ist dies doch erst recht ein Grund, keinen Krieg zu pro vozieren. Denn dann würden diese Waffen eingesetzt - mit entsetzlichen Folgen.

Auch gibt es keine Belege dafür, dass der Diktator Saddam Hussein und das internationale Terrornetzwerk Al Quaida unter einer Decke stecken. Wäre es so, dann würde wiederum ein Krieg die Gefahr gerade nicht bannen sondern erhöhen. Die Terroristen würden bald wieder zuschlagen, und wie hart sie schlagen, hat uns spätestens der 11. September 2001 gelehrt.

Die Kriegsvorbereitungen der amerikanischen Regierung scheinen einer anderen Logik zu folgen. Vielleicht der innenpolitischen Logik, dass der Präsident der am 11. September gedemütigten amerikanischen Nation das Gefühl der Stärke zurückgeben will. Oder der wirtschaftspolitischen Logik, dass die Kontrolle des Irak auch Kontrolle über die Ölreserven bedeutet. Aber diese Logik gilt völkerrechtlich nicht. Ein Krieg gegen den Irak wäre der Angriff auf einen souveränen Staat.

Wer denen, die die amerikanische Kriegslogik nicht nachvollziehen, Antiamerikanismus vorwirft, muss wissen, dass auch Amerikanerinnen und Amerikaner in großer Zahl die Politik ihrer Regierung ablehnen. Ich zitiere eine Stimme aus der mit unserer Evangelischen Kirche im Rheinland partnerschaftlich verbundenen United Church of Christ: "Das Wichtigste, was unsere Freunde (gemeint sind wir) tun können, ist, fortgesetzten Druck auf die Vereinigten Staaten auszuüben. Habt keine Angst, unsere Gefühle zu verletzen. Sagt uns die Wahrheit in Liebe, aber sagt uns die Wahrheit! Sagt sie wieder und wieder' Demonstriert, und demonstriert weiter, Protestiert mehr und mehr! Betet, und hört nicht auf zu beten! Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind die Vereinigten Staaten die größte Bedrohung des Friedens und der Gerechtigkeit in unserer Welt. Unsere Regierung ist darauf eingestellt, alles in Kauf zu nehmen, auch den Tod von Abertausenden unschuldiger Menschen, um ihre Interessen durchzusetzen. Die, die dagegen sind? Sie werden wie Käfer zerquetscht.«

So weit die amerikanische Stimme.

Der dritte Grund: Wir sind hier, weil wir Frieden wollen. Frieden im Irak. Frieden im Nahen Osten. Frieden in allen Teilen der Welt. Unsere Beweg gründe dafür mögen unterschiedlich sein. Die Christen unter uns erinnere ich daran, dass der Weltkirchenrat bei seiner Gründungsversammlung in Amsterdam 1948 einmütig feststellte: "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein." Die Delegierten wussten, was sie da sagten, drei Jahre nach Kriegsende. Und sie sagten es, obwohl der Krieg für Deutschland und Europa auch die Befreiung von der braunen Diktatur bedeutete.

Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Die gesamte jüdisch-christliche Tradition erzählt davon, dass Gott mit der Erde und ihren Menschen Frieden geschlossen hat und mahnt deshalb zur Nächsten liebe, ja sogar zur Feindesliebe. Für Christen kann es deshalb keinen gerechten, Gott wohlgefälligen Krieg geben. Wohl aber haben sie einen gerechten Frieden anzustreben. Merkwürdig, dass der amerikanische Präsident sich beim Morgengebet filmen lässt und anschließend Kriegspläne schmiedet.

Mindestens drei Gründe haben wir, heute auf die Straße zu gehen. Die US-Regierung wird unseren Protest nicht übersehen können. Hoffen wir, dass sie sich im letzten Augenblick noch eines Besseren besinnt. Unsere eigene Regierung möge sich durch uns gestärkt fühlen, bei ihrem Nein zu diesem Krieg zu bleiben.

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